Von Volker Seifert

Die erstaunliche Geschichte von „Mbube“ bis „Le lion est mort ce soir“

Kaum ein populärer Schlager hat eine ungewöhnlichere Geschichte als '''„Le lion est mort ce soir“''' von Henri Salvador. Was heute leicht, heiter und beinahe kindlich klingt, führt zurück in das Südafrika der 1930er Jahre und zu einem Lied, dessen Ausgangspunkt die Begegnung des Menschen mit einem wirklichen, gefährlichen Wildtier war.

Die Geschichte dieses Liedes ist deshalb auch eine Geschichte darüber, wie sich das kulturelle Bild des Löwen verändert: vom realen Beutegreifer über den exotischen Klang des afrikanischen „Wimoweh“ bis zum schlafenden Löwen der amerikanischen Popmusik – und schließlich zum toten Löwen Henri Salvadors.

Gerade diese letzte Veränderung ist bemerkenswert. Denn Salvador macht den Löwen nicht einfach nur noch harmloser. Indem er ihn sterben lässt, führt er vielmehr ein Element zurück in die Geschichte, das die vorhergehenden Bearbeitungen weitgehend verdrängt hatten: '''den Tod.'''

Der Anfang: „Mbube“

1939 nahm der südafrikanische Sänger Solomon Linda mit seinen Evening Birds das Lied '''„Mbube“''' auf. Der Titel bedeutet auf isiZulu „Löwe“. Linda entwickelte das Stück aus der musikalischen Tradition Südafrikas; zugleich steht hinter dem Lied die konkrete Erfahrungswelt einer Gesellschaft, in der Menschen und Vieh mit großen Raubtieren in Berührung kamen.

Der Löwe war deshalb zunächst kein dekoratives Symbol für Afrika.

Er war ein Tier.

Ein starkes Tier.

Ein gefährliches Tier.

Und damit Teil einer Wirklichkeit, in der das Verhältnis zwischen Mensch und Raubtier auch von Konkurrenz und Konflikt bestimmt werden konnte.

Das ist für die weitere Geschichte entscheidend. Denn der ursprüngliche Löwe besitzt eine konkrete Lebenswelt. Er hat einen Lebensraum, er bewegt sich, jagt, bedroht Vieh und wird vom Menschen wahrgenommen und verfolgt.

Er ist noch kein Symbol. Er ist Wild.

„Wimoweh“ – als der Löwe seinen Namen verliert

Das Lied gelangte in den 1950er Jahren in die Vereinigten Staaten. Pete Seeger und die The Weavers griffen die Melodie auf. Aus dem isiZulu-Gesang wurde dabei unter anderem das berühmte „Wimoweh“.

Damit begann eine bemerkenswerte Entfremdung.

Das amerikanische Publikum konnte mit dem ursprünglichen sprachlichen und kulturellen Zusammenhang wenig anfangen. „Wimoweh“ wurde vor allem als exotischer Klang wahrgenommen.

Der Löwe war noch vorhanden, aber sein konkreter Zusammenhang begann zu verschwinden.

Aus dem Tier wurde ein musikalisches Zeichen.

Die afrikanische Landschaft wurde zur Kulisse.

Der Konflikt zwischen Mensch und Raubtier wurde zum Hintergrundrauschen.

Was blieb, war das Bild des Löwen.

 „The Lion Sleeps Tonight“

1961 machten die The Tokens|Tokens daraus mit „The Lion Sleeps Tonight“ einen internationalen Pop-Hit. Aus dem ursprünglichen Lied entstand eine stark arrangierte, mehrstimmige Popproduktion, deren Refrain bis heute zu den bekanntesten der Popmusik gehört.

Doch mit dem neuen Titel verändert sich auch die Rolle des Löwen.

Er schläft.

Das klingt nebensächlich, ist aber kulturgeschichtlich bedeutsam.

Der schlafende Löwe ist kein angreifender Löwe. Er ist zwar weiterhin groß, stark und geheimnisvoll, aber seine Gefährlichkeit ist suspendiert.

Die Gefahr ruht.

Damit kann das westliche Publikum die Wildnis genießen, ohne sich mit ihrer tatsächlichen Bedrohlichkeit auseinandersetzen zu müssen.

Der Löwe wird zum perfekten Popstar der romantisierten Natur: majestätisch, exotisch und faszinierend – aber gerade nicht gefährlich.

Man könnte sagen:

Der Löwe darf wild aussehen, solange er schläft.

Damit ist der Weg vom wirklichen Wildtier zum kulturellen Symbol nahezu vollendet.

Henri Salvador: „Le lion est mort ce soir“

1962 nahm Henri Salvador die französische Fassung auf: „Le lion est mort ce soir".

Und hier geschieht etwas höchst Bemerkenswertes.

Salvador übernimmt die musikalische Welt des amerikanischen Hits, verändert aber den entscheidenden Zustand des Löwen.

Der Löwe schläft nicht.

Der Löwe ist tot.

Auf den ersten Blick ist das die endgültige Verharmlosung. Ein toter Löwe ist schließlich noch ungefährlicher als ein schlafender.

Doch gerade bei genauer Betrachtung entsteht eine paradoxe Wirkung.

Denn mit dem Tod kehrt die Wirklichkeit in das Lied zurück.

Schlaf und Tod sind nicht dasselbe

Der schlafende Löwe der Tokens ist vor allem eine Metapher für die Abwesenheit von Gefahr.

Sein Zustand ist vorübergehend.

Er könnte jederzeit wieder erwachen.

Der tote Löwe dagegen ist endgültig.

Mit dem Tod wird der Löwe wieder zu einem Lebewesen, denn nur ein Lebewesen kann sterben.

Das klingt banal, ist aber kulturell bedeutsam.

Der Löwe der amerikanischen Popfassung ist zunehmend eine abstrakte Figur geworden. Er repräsentiert Afrika, Wildnis und Exotik. Sein tatsächliches Leben spielt kaum noch eine Rolle.

Salvadors Löwe dagegen hat eine Biografie.

Er hat gelebt.

Er war mächtig.

Er war furchterregend.

Und jetzt ist er tot.

Der Tod macht aus dem Symbol wieder ein Tier.

Der „Unbezwingbare“

Besonders interessant ist, dass Salvador den Löwen in seinem Text weiterhin als „l'indomptable, le redoutable“ bezeichnet – als den Unbezwingbaren und Furchterregenden.

Damit erscheint für einen kurzen Moment wieder der ursprüngliche Charakter des Löwen.

Das ist nicht der harmlose Zeichentricklöwe.

Nicht der dekorative Löwe eines Wappens.

Nicht der freundlich schlafende Pop-Löwe.

Es ist der Löwe als Raubtier.

Als Wesen, das sich der vollständigen Kontrolle des Menschen entzieht.

Und gerade dieser Löwe ist nun tot.

Darin liegt die eigentliche Spannung der französischen Fassung.

Salvador macht den Löwen gleichzeitig harmloser und wirklicher.

Harmloser, weil er tot ist.

Wirklicher, weil sein Tod seine Sterblichkeit und damit seine biologische Existenz voraussetzt.

Die Rückkehr des Todes

Für eine jagdkulturelle Betrachtung ist das von besonderem Interesse.

Die moderne Naturromantik liebt das Wildtier häufig gerade deshalb, weil es weit entfernt ist. Der Löwe darf stark, frei und gefährlich erscheinen, solange seine Gefährlichkeit keine Konsequenzen für den Betrachter besitzt.

Der Tod stört diese romantische Harmonie.

Er erinnert daran, dass Natur nicht nur Schönheit und Freiheit bedeutet, sondern auch Geburt und Sterben, Beute und Räuber, Krankheit, Konkurrenz und Gewalt.

Das ursprüngliche ''Mbube'' stand noch näher an dieser Wirklichkeit.

In den amerikanischen Bearbeitungen wurde sie zunehmend entfernt.

Bei Salvador kehrt sie in einem einzigen Wort zurück:

mort.

Tot.

Der Löwe ist nicht mehr bloß schlafend.

Er ist verschwunden.

Und plötzlich stellt sich eine Frage, die der Tokens-Version nicht gestellt werden musste:

Was bedeutet es, wenn der Löwe nicht mehr da ist?

 

Er begegnet ihm als lebendigem Wesen.

Er kennt seine Fährten, seine Gewohnheiten, seine Stärke und seine Verletzlichkeit.

Und er weiß, dass Wildtiere sterben.

Der tote Löwe und die Jagdkultur

Die Jagdkultur besitzt gegenüber der romantischen Naturbetrachtung einen wesentlichen Unterschied: Sie muss sich mit dem Tod auseinandersetzen.

Das bedeutet nicht, dass Jagd deshalb eine Kultur des Tötens sein müsste. Im Gegenteil: Die ernsthafte Jagdkultur begreift den Tod des Wildes als Teil eines umfassenden Verhältnisses zwischen Mensch, Tier und Landschaft.

Der Jäger begegnet dem Wild nicht ausschließlich als ästhetischer Erscheinung.

Genau diese Dimension verschwindet häufig dort, wo Wildtiere ausschließlich zu Symbolen einer idealisierten Natur werden.

Salvadors toter Löwe ist deshalb auf eine merkwürdige Weise näher an der Wirklichkeit als der schlafende Löwe der Tokens.

Nicht weil Salvador einen realistischen Löwen beschreiben würde.

Sondern weil er daran erinnert, dass Wildnis sterblich ist.

Vom Wildtier zum Symbol – und zurück

Die ganze Geschichte lässt sich schließlich als eine kleine Kulturgeschichte des Wildtieres lesen.

Bei Solomon Linda steht der Löwe noch in einer konkreten afrikanischen Erfahrungswelt.

Bei den Weavers wird er zum exotischen Klang.

Bei den Tokens wird er zum Pop-Symbol der schlafenden Wildnis.

Bei Henri Salvador wird er zum toten Löwen.

Und genau an diesem letzten Punkt geschieht etwas Unerwartetes:

Der Löwe kehrt als Abwesender zurück.

Sein Tod macht seine vorherige Anwesenheit spürbar.

Denn solange er schläft, kann die Welt einfach weitersingen.

Wenn er tot ist, muss man sich fragen, was geschehen ist.

Der Tod erzeugt Geschichte.

Er erzeugt Erinnerung.

Und er erzeugt Verantwortung.

„Le lion est mort ce soir“ – ein Lied über das Verschwinden?

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche, unbeabsichtigte Tiefe des französischen Schlagers.

Der Titel klingt fröhlich.

Die Melodie ist leicht.

Der Refrain ist eingängig.

Doch hinter dieser Oberfläche steht ein bemerkenswertes Bild:

Die Wildnis ist friedlich, weil ihr gefährlichstes Tier nicht mehr da ist.

Das kann man als kindliche Idylle verstehen.

Man kann es aber auch als Warnung lesen.

Denn eine Natur, die nur deshalb friedlich ist, weil ihre gefährlichen Tiere verschwunden sind, ist eine Natur, die ihrer Wildheit beraubt wurde.

Der tote Löwe ist somit nicht nur der besiegte Löwe.

Er kann ebenso der fehlende Löwe sein.

Und damit bekommt Salvadors Fassung eine Bedeutung, die weit über den französischen Schlager hinausweist.

Das letzte Wort gehört dem Löwen

Die Geschichte von ''Mbube'' über ''Wimoweh'' und ''The Lion Sleeps Tonight'' bis zu ''Le lion est mort ce soir'' zeigt, wie sehr musikalische Bearbeitungen das Bild eines Tieres verändern können.

Aus dem realen Löwen wird zunächst ein exotisches Motiv.

Aus dem exotischen Motiv wird ein schlafender Löwe.

Und aus dem schlafenden Löwen wird bei Henri Salvador ein toter Löwe.

Doch gerade der Tod beendet die Geschichte nicht.

Er beginnt sie erneut.

Denn solange der Löwe lebt, ist er Teil der Natur.

Wenn er tot ist, wird er zum Gegenstand der Erinnerung.

Und vielleicht ist das die überraschende Pointe von Henri Salvadors Fassung:

Der Löwe verliert durch seinen Tod nicht seine Wirklichkeit – er gewinnt sie zurück.

Der ursprüngliche Löwe von Solomon Linda war ein reales Wildtier.

Der amerikanische Pop-Löwe wurde zum Symbol.

Salvador lässt dieses Symbol sterben.

Und indem er es sterben lässt, erinnert er uns daran, dass hinter jedem Symbol einmal ein lebendiges Wesen stand.

Der Löwe ist tot.

Gerade deshalb kann man ihn plötzlich wieder sehen.