Von Volker Seifert
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der europäischen Kulturgeschichte, dass sie ihre ältesten Bilder nicht preisgibt, selbst dort nicht, wo deren ursprüngliche Voraussetzungen längst verschwunden sind. Zu diesen beharrlichen Gestalten gehört die Göttin der Jagd. Unter dem Namen Artemis bei den Griechen und Diana bei den Römern hat sie Jahrtausende überdauert, Herrschaftsformen, Religionen und Weltbilder überlebt und sich bis in die Ikonographie der fürstlichen Jagdschlösser und die Symbolsprache der modernen Waidgerechtigkeit hinein erhalten.
Dabei wäre es ein Missverständnis, Artemis und Diana als bloße Entsprechungen aufzufassen. Die römische Diana ist nicht einfach die Übersetzung der griechischen Artemis. Vielmehr begegnen sich in ihnen zwei kulturelle Horizonte, die sich einander annähern, ohne sich jemals vollständig zu decken. Gerade diese Unvollständigkeit ihrer Verschmelzung hat ihre Wirksamkeit ermöglicht.
Artemis gehört jener archaischen Schicht des griechischen Denkens an, in der die Natur noch nicht als Gegenstand menschlicher Verfügung erscheint. Sie ist Herrin der Grenzräume, der Berge und Wälder, Beschützerin und zugleich Bedrohung. In ihrer Gestalt verdichtet sich die Erfahrung einer Welt, die dem Menschen zwar Lebensraum, niemals aber Eigentum gewesen ist. Ihre Pfeile treffen nicht nur das Wild, sondern ebenso jene, die das Maß vergessen und die Grenze zwischen Aneignung und Anmaßung überschreiten.
Als die Römer die griechische Welt beerbten, eigneten sie sich ihre Götter an, doch diese Aneignung war keine Enteignung. Diana besaß bereits eine eigene Geschichte. Die Identifikation mit Artemis bedeutete nicht die Auslöschung der italischen Tradition, sondern die Überlagerung zweier Deutungsschichten. Die Antike selbst war sich dieser Mehrdeutigkeit bewusst und machte sie fruchtbar.
Vielleicht liegt hierin ein tieferer Grund für die außergewöhnliche Dauerhaftigkeit dieser Gestalt. Denn die Göttin der Jagd verweist auf ein Problem, das mit dem Ende des Heidentums keineswegs verschwunden ist: auf die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur.
Die Moderne hat diese Frage lange Zeit unter dem Vorzeichen der Beherrschung beantwortet. Wald wurde zur Ressource, Wild zum Bestand, Landschaft zum Gegenstand ökonomischer Planung. Aber selbst in den Zeiten größter Zuversicht gegenüber der technischen Verfügungsmacht blieben Bilder bestehen, die sich dieser Logik entzogen. Diana verschwand nicht. Sie zog sich in Gemälde, Statuen und die Sprache der Jagd zurück. Dort erinnerte sie an etwas, das sich dem rein Funktionalen widersetzt.
Abb. rechts: Diana von Versailles (1.–2. Jahrhundert, Louvre, Paris)
Es dürfte kein Zufall sein, dass die europäische Jagdkultur ihre Würde niemals allein aus dem Erfolg des Erlegens bezogen hat. Ihre eigentliche Legitimation lag stets in der Fähigkeit zur Selbstbegrenzung. Der Begriff der Waidgerechtigkeit bezeichnete ursprünglich weniger ein Regelwerk als vielmehr die Einsicht, dass der Jäger nicht nur Nehmer, sondern zugleich Eingebundener ist. Wo diese Einsicht verloren geht, verwandelt sich Jagd in bloße Technik.
Doch die Figur des Jägers reicht tiefer als jede historische Jagdform. Sie gehört zu den anthropologischen Grundfiguren des Menschen selbst. Lange bevor der Mensch sesshaft wurde, lange bevor er begann, Felder zu bestellen oder Städte zu errichten, war er Fährtenleser. Er musste Zeichen deuten, Entfernungen abschätzen, Geduld aufbringen und lernen, dass Erfolg niemals garantiert war. Der Jäger war derjenige, der sich nicht gegen die Wirklichkeit durchsetzte, sondern sich in sie einfügte.
Vielleicht erklärt sich daraus, weshalb die Jagd zu den ältesten kulturellen Metaphern der Menschheit gehört. Die Sprache selbst ist reich an ihren Bildern. Man verfolgt Gedanken, sucht nach Spuren, stößt auf Zusammenhänge, geht Irrwegen nach und gelangt schließlich zu Erkenntnissen. Nicht nur die Jagd auf Wild, sondern auch die Jagd nach Wahrheit, nach Sinn und nach dem eigenen Selbst hat die europäische Geistesgeschichte begleitet.
Der Jäger verkörpert damit eine Haltung, die der Moderne zunehmend fremd geworden ist. Er steht nicht für den Triumph der Verfügbarkeit, sondern für die Erfahrung der Unverfügbarkeit. Er weiß um Zufall und Gelingen, um Geduld und Enttäuschung. Er kann Bedingungen beeinflussen, aber Ergebnisse nicht erzwingen. In diesem Sinne ist der Jäger weniger Herr der Natur als vielmehr ihr aufmerksamer Leser.
Hier berührt sich die anthropologische Figur des Jägers mit der Gestalt der Artemis. Denn die Göttin ist nicht die Patronin einer schrankenlosen Aneignung. Sie wacht vielmehr über die Grenzen. Sie schützt das Wild ebenso, wie sie dessen Bejagung zulässt. Ihre Gegenwart erinnert daran, dass Jagd niemals bloße Verfügung, sondern immer auch Anerkennung des Anderen bedeutet.
In der Erzählung des Aktaion hat diese Einsicht ihre vielleicht eindringlichste Form gefunden. Nicht die Jagd wird bestraft, sondern die Maßlosigkeit. Der Jäger geht zugrunde, weil er vergessen hat, dass es Bereiche gibt, die sich seiner Aneignung entziehen. Die Katastrophe beginnt dort, wo aus Aufmerksamkeit Neugier, aus Aneignung Besitz und aus Teilnahme Herrschaft wird.
In diesem Sinne erscheint Artemis – und mit ihr Diana – nicht als romantische Erinnerung an eine versunkene Götterwelt. Vielmehr verkörpert sie eine anthropologische Konstante. Sie steht für die Erfahrung, dass der Mensch sich der Natur niemals vollständig gegenüberstellen kann, weil er selbst zu ihr gehört.
Die alte Göttin ist deshalb nicht deshalb gegenwärtig geblieben, weil noch jemand an ihre göttliche Macht glaubte. Ihre Dauer verdankt sie vielmehr der Beharrlichkeit einer Frage, die jede Epoche neu beantworten muss: Wie weit reicht die Verfügung des Menschen über die Welt, und wo beginnt jene Sphäre, in der ihm Maß und Ehrfurcht auferlegt sind?
Dass diese Frage bis heute nicht verstummt ist, erklärt vielleicht, weshalb Diana noch immer über den Portalen alter Jagdschlösser wacht und Artemis weiterhin durch die Literatur und die Bilder Europas streift. Nicht als Relikt eines überwundenen Mythos, sondern als Erinnerung daran, dass die Beziehung des Menschen zur Natur niemals vollständig in Besitz übergehen kann.
Gerade darin liegt ihre bleibende Aktualität. Denn möglicherweise beginnt Kultur dort, wo der Mensch lernt, nicht alles, was er vermag, auch als sein Recht zu betrachten.
Und vielleicht gehört es zu den ältesten und zugleich vornehmsten Einsichten der Jagd, dass der Mensch nicht deshalb zum Jäger wurde, weil er die Natur besiegen wollte, sondern weil er lernen musste, in ihr seinen Platz zu finden.