Von Volker Seifert

Der rumänische Kulturraum kennt viele museale Orte, an denen Geschichte konserviert wird. Das Muzeul Cinegetic „August von Spiess” in Sibiu jedoch gehört zu jenen seltenen Häusern, in denen sich Erinnerung, Mentalitätsgeschichte und kulturelle Ambivalenz auf eigentümlich dichte Weise überlagern. Wer das ehemalige Wohnhaus des Jagdobersten August von Spiess betritt, begegnet nicht nur der Geschichte der Jagd, sondern einem ganzen mitteleuropäischen Weltgefühl, das zwischen Naturverehrung, aristokratischer Repräsentation und kolonial geprägter Aneignung oszilliert.

August von Spiess (* 6. August 1864,  gestorben 4. April 1953), 1864 im habsburgischen Galizien geboren und später königlicher Hofjagddirektor unter König Ferdinand I. von Rumänien, verkörpert selbst jene historischen Verschiebungen, die Siebenbürgen im frühen 20. Jahrhundert prägten: österreichisch-ungarische Militärtradition, siebenbürgisch-sächsisches Bildungsbürgertum, rumänischer Nationalstaat und die Idee einer transnationalen Karpatenkultur verdichten sich in seiner Biografie.

Bemerkenswert ist dabei, dass von Spiess nicht allein als Jäger Bedeutung erlangte, sondern ebenso als Naturbeobachter und Schriftsteller. Seine Bücher über die Karpatenlandschaft lesen sich heute wie Dokumente einer vergangenen Wahrnehmungsordnung: Natur erscheint darin nicht bloß als Ressource oder Kulisse, sondern als moralisch aufgeladener Erfahrungsraum. Gerade hierin liegt die historische Ambivalenz seiner Figur. Denn dieselbe Haltung, die Wildnis poetisiert, erhebt zugleich das Erlegen des Wildes zum Akt kultureller Veredelung.

spiess2Das Museum selbst macht diese Spannung sichtbar, ohne sie vollständig zu kommentieren. Gegründet wurde es 1966 als erstes Jagdmuseum Rumäniens; untergebracht ist es bis heute in der ehemaligen von-Spiess-Residenz, die von seinen Töchtern dem Staat überlassen wurde. Die Sammlung umfasst rund 1.600 Exponate – Waffen, Jagdinstrumente, heimische und afrikanische Trophäen sowie den memorialen Nachlass des Obersten.

Besonders eindrucksvoll ist die museografische Dramaturgie des Hauses. Die Räume folgen keiner rein chronologischen Ordnung, sondern inszenieren eine symbolische Hierarchie des Jagdbegriffs: vom Werkzeug über die Trophäe bis hin zur Erinnerung an den Jäger selbst. Dadurch wird das Museum weniger zu einem naturkundlichen Ort als zu einem Theater kultureller Selbstdeutung.

Gerade die afrikanischen Trophäen wirken heute irritierend und aufschlussreich zugleich. Sie stammen von Expeditionen nach Kenia und Tanganjika in den 1930er Jahren und verweisen auf eine Epoche, in der europäische Eliten Naturerfahrung untrennbar mit imperialer Mobilität verbanden. Die ausgestellten Tiere erscheinen dadurch nicht nur als Objekte der Jagd, sondern auch als Relikte einer europäischen Blickordnung, die Ferne in Besitz verwandeln wollte.

Doch das Museum erschöpft sich nicht in dieser Problematik. Seine eigentliche kulturelle Bedeutung liegt vielleicht darin, dass es ein nahezu unverändertes Mentalitätsarchiv Mitteleuropas bewahrt. Zwischen Holzvertäfelungen, Gewehren und präparierten Tieren bleibt eine Welt sichtbar, in der Bildung, Naturerfahrung und aristokratisches Ethos noch eng miteinander verbunden waren. Der Besucher begegnet dort einer historischen Haltung, die heute fremd geworden ist, aber gerade deshalb lesbar bleibt.

Dabei besitzt das Haus eine stille Melancholie. Wie viele Orte in Hermannstadt erzählt es auch vom Fortleben der siebenbürgisch-sächsischen Kultur in Fragmenten. Die deutschsprachigen Inschriften, die bibliophilen Spuren und die Aura eines untergegangenen Bildungsbürgertums verleihen dem Museum eine Bedeutung, die weit über Jagdgeschichte hinausreicht.

In einer Zeit, in der Museen zunehmend auf Interaktivität und didaktische Vereinfachung setzen, wirkt das August-von-Spiess-Museum beinahe anachronistisch. Vielleicht liegt gerade darin seine Stärke. Es erklärt seine Widersprüche nicht vollständig. Es fordert vom Besucher vielmehr die Bereitschaft, historische Komplexität auszuhalten.

So wird der Ort letztlich zu mehr als einem Spezialmuseum. Er ist ein kultureller Resonanzraum für die Frage, wie Mitteleuropa sich selbst betrachtete: durch Natur, durch Erinnerung – und durch die Inszenierung von Weltaneignung.