Von Wildmeister Dieter Bertram

Jahrhunderte alt sind die Wechsel der Hirsche zwischen Eifel und Ardennen. Doch die Willkommenskultur hirschgerechter Jäger in großen Revieren ist dem kaufmännischen Rechnungswesen erlegen. Lebensräume wurden nach Art von Bauparzellen aufgeteilt.

Sang- und klanglos ist das Birkhuhn verschwunden und hat sich in das Hohe Venn auf der belgischen Seite zurückgezogen.

Ist nunmehr das Rotwild „im Wege“? Eine brüchige Forst- und Jagdwirtschaft greift um sich. In einer über hundertjährigen Waldgeschichte der Nordeifel von Landforstmeister Alfred Hirsekorn (*11.06.1903, †18.11.1996) ist die Forstgeschichte niedergeschrieben, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Das geflügelte Wort vom Waldsterben ist keine Neuerscheinung. Hunderttausende Hektar Forstflächen wurden im Laufe der Geschichte durch Insektenfraß, Windwurf, Trockenheit und Nässe an ungünstig gewählten Standorten vernichtet – ein Umstand, der lange als unausweichliches Schicksal hingenommen wurde.

Das Rotwildproblem begann in den achtziger Jahren zu eskalieren. Als Beispiel für Verpachtungen im gesamten Bundesgebiet kann das Eifelstädtchen Monschau dienen. Die vormals großen Reviere wurden nicht nach Wildtierlebensräumen, sondern nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten buchhalterisch aufgeteilt – mit dem Ziel höchstmöglicher Erlöse. Nicht nur die Jagdpresse, sondern auch Tageszeitungen berichteten darüber, als 1983 bei der Stadt Monschau eine regelrechte Goldgräberstimmung aufkam: Vier Kleinreviere wurden für insgesamt 150.000 Mark verpachtet.

Diese Preise kamen durch Hunderte von Angeboten zustande, da die Verpächterin hohe Rotwildbestände als Qualitätsmerkmal sowie hohe Abschusszahlen in Aussicht stellte. Das „größte“ Revier Höfen Süd (241 ha, Abschuss 15 Stück Rotwild) erzielte inklusive Wildschadenspauschale die Summe von 47.000 Mark. Das kleinste Revier Kalterherberg Venn (164 ha, Abschuss 9 Stück Rotwild) wurde für 24.000 Mark vergeben. Die Stadtväter machten dabei von dem neuen Jagdgesetz Gebrauch und verpachteten nur noch auf neun Jahre.

In den folgenden Jahren litt das Rotwild nicht nur unter dem zunehmenden Freizeitdruck Erholungssuchender, sondern auch unter intensivem Jagddruck – Tag und Nacht. In Kleinstrevieren war die Begegnung mit Jägern für das Wild nahezu unvermeidlich, es wurde unsichtbar.

Sichtbar hingegen wurden die Wildschäden im Wald. Da es noch keine Beschränkungen bei der Wildfütterung gab, konnte jeder Revierinhaber nach eigenem Ermessen – oft auch bei unzureichender Sachkenntnis – füttern oder gegenfüttern. Dies diente nicht immer der Verbesserung der Nahrungsgrundlage, sondern häufig der Erfüllung von Abschussplänen.

Es kam, wie es kommen musste: Nicht nur Fütterungsexzesse, sondern die gesamte Winterfütterung geriet in Misskredit, wurde eingeschränkt oder verboten.

Annähernd 50 Jahre später haben viele Waldbesitzer aus diesem Verpachtungssystem offenbar nicht gelernt und bedienen sich nun eines neuen Konzepts, um den Schadfaktor Wild auszuschalten. Am 23.11.2023 führte der Unterzeichner ein Gespräch mit dem Kreisjagdberater Karl-Heinz Kückelkorn von der Jägerschaft Aachen Stadt und Land über eine neue Jagdstrategie der Gemeinde Simmerath/Eifel:

„Unsere Reviere werden an keinen Jäger mehr langfristig vergeben, da die Pächter sich nicht ausreichend für den Wald interessieren. Die Jagdfläche der Gemeinde wird stattdessen in 15 Pirschbezirke aufgeteilt und jährlich vergeben. Zusätzlich wird ein Berufsjäger eingestellt, der die Leitung übernimmt, um die Überpopulation an Rotwild in den Griff zu bekommen. Die Gemeinden Rötgen, Nettersheim und der öffentliche Wald verfahren bereits ähnlich. Langfristige Jagdpachtverträge haben sich nicht bewährt.“

Diese Nachricht wurde an fünf jagdliche Organisationen weitergeleitet. Stellung genommen hat lediglich Dr. Christine Miller von „Wilden Bayern“.

Sollte dieses Konzept der „neuen Jagd“ Schule machen, wären weder Jäger im klassischen Sinne noch Jagdzeitungen, Wildforschung oder Jagdverbände erforderlich – sondern lediglich „Abschussnehmer“ mit entsprechender Erlaubnis.

Die Inhalte der Jagd würden dann nicht mehr von einer geistigen Elite aus Forst- und Landwirtschaft getragen, sondern von einem industrialisierten Tötungshandwerk: seelenlos, rationell, hygienisch – Zahl vor Wahl, Wald vor Wild.

Trotz hochqualifizierter Forst- und Jagdwissenschaft, namhafter Wildbiologen und der seit über 60 Jahren bestehenden Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadensverhütung in Nordrhein-Westfalen ist es in der Nordeifel innerhalb eines halben Jahrhunderts nicht gelungen, Wald und Wild in Einklang zu bringen. Dies berichtete auch die Kölnische Rundschau am 11.04.2026 über die Gemeinden Blankenheim, Dahlem, Hellenthal und Nettersheim.

Stellvertretend für eine andere Herangehensweise steht das Forstamt Bebenhausen in Baden-Württemberg. Dort sollte aufgrund untragbarer Rotwildschäden ein Totalabschuss durchgeführt werden. Der neu eingesetzte Forstdirektor verweigerte dies jedoch. In Zusammenarbeit mit der Wildbiologischen Gesellschaft München wurde ein Bejagungskonzept entwickelt, das sowohl den forstlichen Anforderungen als auch den Lebensansprüchen des Wildes gerecht wurde. Das Rotwild wurde wieder tagaktiv und für die Bevölkerung sichtbar – ein gesellschaftlicher Anspruch.

Es ist ein Armutszeugnis unserer Zeit, dass sich Vertreter von Wald und Kommunen um Drohnenpiloten und technische Lösungen als vermeintliche Heilsbringer scharen. Trotz intensiver Bejagung scheint das Wild dem menschlichen Einfluss oft überlegen zu sein. Der Wildschaden bleibt bestehen. Wie lange noch?

Im Vertrauen auf Künstliche Intelligenz wird es womöglich in einigen Jahren eine neue Versammlung ratloser Entscheidungsträger geben. Drohnen könnten dann nicht nur zur Zählung, sondern auch – nach militärischem Vorbild – zum Abschuss eingesetzt werden. Eine Bankrotterklärung.

Wild ist kein Eigentum der Forstwirtschaft, sondern ein allgemeines Kulturgut. Deshalb sind nicht nur die Jägerschaft, sondern auch Gesellschaft und Tierschutz gefordert, einen verantwortungsvollen Umgang mit Wildtieren einzufordern.

Jagdethiker und Meinungsforscher stellen seit Jahren alarmierende Entwicklungen fest. So bereits Prof. Dr. Werner Beutelmeyer in einem Vortrag auf der DJV-Hauptversammlung 2012.

Geben wir den Wildtieren eine Stimme, damit unser Ehrenkodex der Waidgerechtigkeit nicht nur in Hubertusmessen seinen Platz findet.

Prof. Monika Reiterer formulierte es treffend:
„Wenn man ein Volk – auch ein Jägervolk – zerstören will, muss man ihm seine Bräuche, seine Riten, seine Kultur, auch die Jagdkultur nehmen.“