Von Volker Seifert
Hoch über dem Saaletal, verborgen im Wald westlich von Hummelshain, liegt die Jagdanlage Rieseneck – ein Ort, der sich dem flüchtigen Blick entzieht und gerade darin seine Wirkung entfaltet. Wer ihn aufsucht, betritt kein Schloss und keinen Park im herkömmlichen Sinne, sondern eine Landschaft, die selbst zum Bauwerk geworden ist: Wege, Mauern, Pirschgänge und Lichtungen fügen sich zu einer Komposition, die einst ganz im Dienst der Jagd stand und heute als eindrucksvolles Kulturdenkmal erhalten ist.
Ihre Entstehung verdankt die Anlage der ausgeprägten Jagdleidenschaft der Herzöge von Sachsen-Gotha-Altenburg. Vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nutzten sie das Gelände als Teil ihres weitläufigen Jagdgebietes, das in enger Verbindung zum Jagdschloss Fröhliche Wiederkunft bei Wolfersdorf stand. Von dort führten einst Reit- und Kutschwege in die Wälder des Riesenecks, wo sich höfische Jagd nicht nur als Zeitvertreib, sondern als gesellschaftliches Ereignis und Ausdruck fürstlicher Repräsentation entfaltete.
Bild rechts: Jagdschloss Fröhliche Wiederkunft (vor 1870)
Der Ort selbst trägt Spuren einer weit älteren Geschichte. Der Name „Rieseneck“ verweist möglicherweise auf eine mittelalterliche Siedlung, die hier gestanden haben soll – vielleicht zerstört in den Wirren des Sächsischen Bruderkrieges, vielleicht auch nur in der Überlieferung fortlebend. Sicher ist nur, dass der Platz seit Jahrhunderten als markanter Punkt in der Landschaft wahrgenommen wurde, eine Geländekante, die sich in das Tal vorschiebt, ein Ort, an dem Wald, Geschichte und Mythos ineinandergreifen.
Die heutige Gestalt der Anlage geht im Wesentlichen auf die Zeit zwischen 1712 und 1735 zurück. Unter der Leitung eines Kammerherrn von Beust entstand hier ein Jagdensemble, das in seiner technischen Raffinesse und Geschlossenheit bemerkenswert ist. Die barocke Jagd verlangte nicht allein nach Wildreichtum, sondern nach Inszenierung und Planung. Pirschgänge wurden in das Erdreich eingetieft, teils offen, teils überwölbt, und mit Trockenmauern befestigt. Sie ermöglichten es, sich dem Wild nahezu unsichtbar zu nähern, um es zu beobachten oder zu erlegen. An ihren Enden lagen Jagdschirme, die mehreren Schützen zugleich Platz boten und Schutz vor Wetter und Blicken gewährten.
Bild rechts: Frank Pohlmann
Im Zentrum dieser Anlage lag die sogenannte Brunftau – eine offene Waldwiese, die vermutlich auf ältere Siedlungs- oder Ackerflächen zurückging. Hier konzentrierte sich das Wild, angelockt durch Fütterungen, Salzlecken und Suhlen, die gezielt angelegt wurden. Die Jagd war damit kein zufälliges Geschehen, sondern Teil eines sorgfältig vorbereiteten Systems, in dem Naturbeobachtung, Tierführung und bauliche Gestaltung ineinandergriffen.
Auch die Gebäude der Anlage erzählen von diesem Zusammenspiel aus Funktion und Repräsentation. Das Grüne Haus, 1727 errichtet, diente der Unterbringung der Jagdgäste; Wagenremisen, Blockhäuser und das sogenannte Blasehaus erfüllten praktische Aufgaben. Letzteres erhielt seinen Namen von den Hornsignalen, mit denen der Wildwart das Rotwild zur Fütterung rief – ein akustisches Element der Jagd, das sich einst weit durch die Wälder getragen haben mag. Selbst die Mauern, die sich an manchen Stellen bis an die Gebäude heranziehen, waren Teil der Inszenierung: Sie verbargen die Bewegungen der Jäger und lenkten den Blick.
Bild rechts: Das Grüne Haus
Im 19. Jahrhundert verlor Rieseneck allmählich an Bedeutung, und wie so viele Zeugnisse jagdlicher Vergangenheit begann die Anlage zu verfallen. Erst im 20. Jahrhundert setzte ein langsames Umdenken ein. Seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bemühen sich Denkmalpfleger und engagierte Bürger, die Anlage zu sichern und ihre historische Gestalt wieder sichtbar zu machen. Heute ist Rieseneck nicht nur ein Relikt der Jagdgeschichte, sondern auch ein Ort des kulturellen Gedächtnisses.
Wer heute durch die stillen Pirschgänge geht oder zwischen den alten Mauern steht, begegnet weniger der Jagd selbst als ihrer Idee: der barocken Vorstellung, Natur zu ordnen, zu beobachten und zugleich in ein ästhetisches Gefüge zu bringen. Das Rascheln des Windes in den Bäumen hat die Stimmen der Treiber ersetzt, und doch scheint der Ort noch immer von jener Vergangenheit erfüllt, in der die Jagd ein Spiegel von Macht, Gesellschaft und Lebensart war.
So ist die Jagdanlage Rieseneck mehr als ein technisches Denkmal. Sie ist ein stilles, beinahe poetisches Zeugnis einer Epoche, in der die Jagd nicht nur Nahrung und Beute bedeutete, sondern Weltdeutung – und der Wald selbst zur Bühne wurde.
Bild rechts: Frank Pohlmann