Von Volker Seifert

Felix Mendelssohn Bartholdys * 3. Februar 1809 in Hamburg; † 4. November 1847 in Leipzig) „Jägerlied“ nimmt innerhalb seines vokalen Schaffens eine besondere Stellung ein, da es die romantische Vorstellung der Jagd nicht als dramatisches Spektakel oder heroische Machtdemonstration, sondern als lebendige, gemeinschaftliche und naturnahe Erfahrung gestaltet. Mendelssohn, dessen Musik häufig durch klassische Klarheit und romantische Empfindsamkeit geprägt ist, verbindet in diesem Werk volkstümliche Elemente mit kunstvoller Komposition und schafft so ein musikalisches Bild der Jagd, das zwischen Naturerlebnis, Bewegung und Geselligkeit vermittelt.

Das „Jägerlied“ steht in der Tradition der romantischen Chorlieder und Sololieder, die Jagd und Wald als symbolische Räume nutzen. Der Wald erscheint hier nicht als bedrohliche Wildnis, sondern als vertrauter Lebensraum, in dem der Jäger sich sicher bewegt und in harmonischem Einklang mit der Natur steht. Diese Auffassung unterscheidet Mendelssohns Jagdmusik deutlich von der barocken Hofjagd eines Lully oder der virtuosen, oft dramatisch zugespitzten Klavierjagd eines Liszt. Stattdessen dominiert eine lyrisch-optimistische Grundhaltung, die Bewegung, Ruf und Gemeinschaft betont.

Musikalisch arbeitet Mendelssohn mit prägnanten rhythmischen Figuren, die an Jagdrufe und Hornsignale erinnern, ohne diese plakativ zu imitieren. Die Melodik ist klar konturiert, oft strophisch angelegt und leicht fasslich, was dem Stück eine liedhafte, beinahe volksliednahe Qualität verleiht. Gerade diese scheinbare Einfachheit ist Ausdruck von Mendelssohns Kunst: Die Musik wirkt unmittelbar und natürlich, ist aber sorgfältig proportioniert und harmonisch ausgewogen. In der Chorversion verstärkt sich dieser Eindruck, da der gemeinschaftliche Gesang die soziale Dimension der Jagd – das Miteinander der Jäger, das gemeinsame Erleben des Waldes – hörbar macht.

Harmonisch bleibt Mendelssohn weitgehend in einem hellen, diatonischen Klangraum, der das Bild eines freundlichen, offenen Naturraums zeichnet. Modulationen und dynamische Steigerungen dienen weniger der dramatischen Zuspitzung als der Belebung der Szene: Aufbruch, Bewegung und Ruf wechseln einander ab, ohne die grundsätzliche Ausgeglichenheit zu gefährden. Die Jagd erscheint hier nicht als Kampf, sondern als rhythmisiertes, geordnetes Geschehen, eingebettet in den natürlichen Kreislauf.

Kulturgeschichtlich lässt sich Mendelssohns „Jägerlied“ als Ausdruck einer bürgerlich-romantischen Jagdauffassung verstehen. Die Jagd ist nicht mehr ausschließlich höfisches Privileg oder aristokratisches Ritual, sondern Teil eines idealisierten Naturerlebnisses, das sich auch im Lied und im Chor entfalten kann. Mendelssohn knüpft damit an die romantische Literatur und Lyrik an, in der der Jäger häufig als Wanderer, Naturbeobachter und Hüter des Waldes erscheint. Die Musik wird zum Medium, das diese Haltung hörbar macht: freundlich, maßvoll und von innerer Bewegung getragen.

Im Vergleich zu Schumanns „Jägerliedchen“ aus den Waldszenen wirkt Mendelssohns „Jägerlied“ weniger subjektiv und psychologisch, dafür stärker gemeinschaftlich und kommunikativ. Wo Schumann flüchtige Stimmungen einfängt, gestaltet Mendelssohn ein Bild des gemeinsamen Rufens, Singens und Unterwegsseins. Die Jagd wird so zur kulturellen Praxis, die Natur, Bewegung und Gesang miteinander verbindet.

Insgesamt zeigt Mendelssohn Bartholdys „Jägerlied“, wie die Jagd in der romantischen Musik des 19. Jahrhunderts zu einem ästhetisch veredelten Naturbild wird. Das Werk verbindet volkstümliche Anklänge mit kompositorischer Eleganz und vermittelt eine Jagdauffassung, die auf Maß, Harmonie und Gemeinschaft gründet. Damit steht das „Jägerlied“ exemplarisch für eine romantische Jagdmusik, die weniger durch Lautstärke oder Dramatik als durch Klarheit, Lebendigkeit und poetische Nähe zur Natur überzeugt.

 

Johann Wolfgang von Goethe: „Jägerlied“

Im Walde schallt’s,
Im Walde hallt’s,
Die Hörner klingen weit!
Von Fels zu Fels,
Von Tal zu Tal
Erwacht die alte Zeit.

Frisch auf, ihr Jäger,
Ins grüne Feld!
Die Welt ist frei, die Welt ist weit.
Was Herz erfreut,
Was Mut erhellt,
Das schenkt uns Wald und Einsamkeit.

Es lebt der Hirsch,
Es springt das Reh,
Der Morgen glüht im Tann;
Und wer mit Lust
Und offenem Sinn
Dem Walde folgen kann,

Der hört im Klang
Der Hörner Ruf
Mehr als nur Jagdgeschrei:
Ein Lied der Kraft,
Der freien Luft,
Der alten Treu dabei.

 

Monographien und Überblickswerke

  • Todd, R. Larry. Mendelssohn: A Life in Music. Oxford: Oxford University Press, 2003.
    – Maßgebliche Biographie mit ausführlichen Abschnitten zu Mendelssohns Lied- und Chormusik.
  • Seaton, Douglass. The Mendelssohn Companion. Westport: Greenwood Press, 2001.
    – Überblick über Werkgruppen, stilistische Merkmale und ästhetische Positionen.
  • Werner, Eric. Mendelssohn: A New Image of the Composer and His Age. New York: Free Press, 1963.
    – Klassiker zur Einordnung Mendelssohns im kulturellen und gesellschaftlichen Kontext der Romantik.
  • Sposato, Jeffrey S. The Price of Assimilation: Felix Mendelssohn and the Nineteenth-Century Anti-Semitic Tradition. Oxford: Oxford University Press, 2006.
    – Kulturgeschichtlicher Kontext; hilfreich für das Verständnis bürgerlich-romantischer Ideale.

Lied- und Chormusik / Programmatik

  • Dürr, Alfred. Das deutsche romantische Lied. Kassel: Bärenreiter, 1984.
    – Grundlegende Studie zur Liedästhetik des 19. Jahrhunderts, mit Mendelssohn als zentraler Figur.
  • Reichwald, Martin. Natur und Landschaft in der Musik der Romantik. Stuttgart: Metzler, 1999.
    – Behandelt Wald-, Jagd- und Naturmotive in der romantischen Musik.
  • Youens, Susan. Music, Poetry, and the Romantic Imagination. Cambridge: Cambridge University Press, 2010.
    – Analyse der Wechselwirkung von Text, Naturbild und Musik im romantischen Lied.
  • Plantinga, Leon. Romantic Music: A History of Musical Style in Nineteenth-Century Europe. New York: Norton, 1984.
    – Stilgeschichtliche Einordnung von Mendelssohns romantischem Idiom.

Aufsätze und Sammelbände

  • Seaton, Douglass. „Mendelssohn’s Part-Songs and the German Romantic Choral Tradition.“ In: 19th-Century Music 15 (1991), S. 3–22.
  • Todd, R. Larry. „Nature, Classicism, and Romantic Expression in Mendelssohn’s Vocal Music.“ In: Journal of the American Musicological Society 45 (1992), S. 91–121.
  • Reichwald, Martin. „Wald, Jagd und Lied: Naturbilder in der deutschen Romantik.“ In: Archiv für Musikwissenschaft 56 (1999), S. 201–224.