Von Volker Seifert
Während ich Wolfgang Lipps’ „Jagdrecht leicht gemacht: Ein unterhaltsames Lehrbuch für Anfänger und Fortgeschrittene“ mit Genuss und Gewinn las, stellte sich fast wie von selbst eine literarische Assoziation ein: Selma Lagerlöf. Auf den ersten Blick könnten die beiden Werke kaum unterschiedlicher sein – das eine ein Jagdrechtslehrbuch für Erwachsene, das andere ein Kinderbuch über eine fantastische Reise durch Schweden –, und doch verbindet sie etwas Subtiles: die Art und Weise, wie Wissen in Sprache gebettet wird, so dass es nicht als Last, sondern als Erlebnis erscheint.
Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden entstand 1906/1907 im Auftrag des schwedischen Lehrerverbands. Der Anlass war eindeutig pädagogisch: Es fehlte an einem modernen Geografiebuch für die Grundschule. Lagerlöf hatte jedoch nicht die Absicht, ein Lehrbuch zu schreiben. Ihre Vorgaben waren ungewöhnlich, fast schon radikal: Wissen sollte nicht trocken vermittelt werden; Kinder sollten lesen wollen, nicht müssen. Die Landschaften, die Geschichte, die Natur und die Mentalität Schwedens sollten nicht erklärt, sondern erzählerisch erfahrbar werden. Lernen entsteht hier nicht durch Instruktion, sondern durch Mitgehen, durch Teilhabe an einer erzählten Welt, in der Fakten und Fiktion ineinanderfließen und der Leser die Details selbst entdeckt.
Wolfgang Lipps dagegen wurde nicht von pädagogischer Seite aufgefordert, ein Lehrbuch zu schreiben, und auch an Grundschulkinder richtet er sich nicht. Dennoch erreicht er etwas vergleichbar Selma Lagerlöf: Er vermittelt die Grundlagen des Jagdrechts, ein Fachgebiet, das andernorts trocken, kompliziert und einschüchternd wirkt, auf eine Weise, die literarisch gestaltet und angenehm zu lesen ist. Lipps’ Text öffnet den Zugang zu einem komplizierten Terrain, ohne dass der Leser je das Gefühl hat, unterrichtet oder belehrt zu werden. Die Regeln, Prinzipien und Grenzen des Jagdrechts entfalten sich wie ein Landschaftsplan, der sich Schritt für Schritt erschließt. Gleichzeitig kann man die rhythmische Sprache, die narrative Struktur und den spielerischen Ton genießen, die den Stoff leichter zugänglich machen, ohne ihn zu trivialisieren. Das Buch eignet sich zur Vorbereitung auf die Jagdscheinprüfung – den Jagdschulen und Lehrgangsleitern der Kreisjägerschaften sei dies empfohlen – sowie zur Auffrischung bzw. Aktualisierung des Wissens für langjährige Jäger.
Beide Werke, so verschieden sie auch sind, teilen die Überzeugung, dass Lernen mehr ist als die Aufnahme von Fakten: Es ist eine Erfahrung, die Sprache und Vorstellungskraft zugleich beansprucht. Lagerlöf lässt Kinder mit Nils reisen und entdecken, Lipps lässt Erwachsene mitgehen und verstehen – in beiden Fällen ist die Vermittlung von Wissen eingebettet in eine erzählerische Form, die den Leser einlädt, aufmerksam zu sein, neugierig zu bleiben und selbst zu entdecken. Was anfangs rein funktional erscheint – sei es Geografie oder Jagdrecht –, wird durch die narrative Gestaltung zu etwas Lebendigem, Bewegtem und Persönlichem, zu einer Erfahrung, die man nicht einfach konsumiert, sondern erlebt.
Dr. Wolfgang Lipps:: „Jagdrecht leicht gemacht: Ein unterhaltsames Lehrbuch für Anfänger und Fortgeschrittene“
Oktober 2025 bei BoD – Books on Demand, 346 Seiten
Dr. Wolfgang Lipps – Dr. iur. utr. (Heidelberg), Diplom im Internationalen Recht (Jur. Fakultät der Universität Paris). Mitglied der Auditeurs et Anciens Auditeurs der Akademie für Internationales Recht in Den Haag und Postgraduate der London School of Economics. Mitgliedschaften hielt und hält Dr. Lipps u. a. bei: Deutsche Steuerjuristische Gesellschaft, Studienvereinigung Kartellrecht, Deutscher Jagdrechtstag, Forum lebendige Jagdkultur u.a.m. Er ist öffentlich bestellter und vereidigter Dolmetscher für die englische Sprache.
Als Geschäftsführer leitet er die JUN:I Institut für Jagd Umwelt und Naturschutz GmbH in Liepe bei Eberswalde.