Von Volker Seifert

David Hume (* 26. Apriljul. / 7. Mai 1711greg. in Edinburgh; † 25. August 1776 ebenda), ein schottischer Philosoph des 18. Jahrhunderts, ist vor allem für seine empiristische und skeptische Philosophie bekannt. In seinem Werk befasste sich Hume mit Fragen der Erkenntnistheorie, der Moral und der menschlichen Natur. Besonders in Bezug auf den Naturbegriff ist Hume ein Vertreter des empirischen Ansatzes, wonach die Welt und das Wissen über sie auf Erfahrung und Wahrnehmung basieren. Humes Naturbegriff ist stark an diese Erfahrung gebunden, wobei er Natur nicht nur als eine Sammlung von physikalischen Phänomenen begreift, sondern auch als eine Quelle von moralischen und sozialen Normen. Die Anwendung dieses Naturbegriffs auf die Jagd wirft interessante Fragen auf, die sowohl Humes Verständnis von Moral und menschlichem Verhalten als auch seine empiristische Erkenntnistheorie betreffen.

Der Naturbegriff bei David Hume

Hume entwickelte in seiner „Untersuchung über den menschlichen Verstand“ (1739–1740) eine Erkenntnistheorie, die sich auf die menschliche Erfahrung stützt. Für ihn sind alle Ideen und Konzepte das Resultat von Sinneseindrücken, also von den Eindrücken, die wir durch unsere Sinne von der Außenwelt erhalten. Hume unterscheidet zwischen „empirischen“ Ideen, die aus konkreten Wahrnehmungen hervorgehen, und „abstrakten“ Ideen, die auf diesen Wahrnehmungen aufbauen. So ist der Naturbegriff bei Hume nicht nur ein philosophisches Konstrukt, sondern ein Produkt von menschlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen.

Hume sah die Natur als eine fortwährende Kette von Ursachen und Wirkungen, die auf Erfahrung und Beobachtung beruhen. Er betonte, dass das Wissen über die Welt immer durch das menschliche Empfinden und die Vernunft vermittelt wird, wobei letzteres eine gewisse Skepsis gegenüber übernatürlichen oder metaphysischen Erklärungen einschließt. In Bezug auf die Natur als solche bedeutet dies, dass der Mensch die Natur nur durch seine Sinne und durch seine praktische Erfahrung erfassen kann. Es gibt keine eingebauten moralischen Prinzipien oder objektive moralische Gesetzmäßigkeiten in der Natur selbst; vielmehr sind moralische Urteile das Resultat sozialer Konventionen und menschlicher Empathie.

In „Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral“ (1751) geht Hume weiter und stellt fest, dass moralische Urteile nicht durch reine Vernunft, sondern durch Gefühle und Empathie bestimmt werden. Diese Gefühle, die er als „moralische Empfindungen“ bezeichnet, sind es, die den Menschen dazu motivieren, gut zu handeln. Dabei spielt die Natur eine zentrale Rolle als der Raum, in dem diese moralischen und sozialen Gefühle sich entwickeln.

Die Jagd im Kontext von Humes Naturbegriff

Die Jagd stellt eine Tätigkeit dar, bei der der Mensch aktiv in die Natur eingreift, um seine Bedürfnisse zu befriedigen – sei es durch die Beschaffung von Nahrung oder aus sportlichem Interesse. Humes Naturbegriff, der auf Erfahrung und empirischer Beobachtung basiert, erlaubt es uns, die Jagd als ein Handeln innerhalb der Natur zu verstehen, das in einer wechselseitigen Beziehung zwischen Mensch und Umwelt steht.

In Humes Philosophie würde die Jagd zunächst als eine Handlung des Menschen betrachtet, die aus natürlichen Bedürfnissen und Interessen resultiert. Diese natürlichen Bedürfnisse – wie das Bedürfnis nach Nahrung oder der Drang, die Umwelt zu beherrschen – sind Teil der menschlichen Natur und Teil des größeren Kausalzusammenhangs der Welt. In diesem Sinne könnte man die Jagd als eine natürliche Handlung sehen, die in den Kontext von Humes Verständnis von Ursache und Wirkung passt. Der Jäger handelt aufgrund seines Bedürfnisses, Nahrung zu beschaffen, und nutzt dazu die Mittel, die die Natur ihm zur Verfügung stellt.

Jedoch ist es nicht nur der physische Akt der Jagd, der in den Fokus rückt, sondern auch der moralische Kontext, der sich daraus ergibt. Hume könnte in der Jagd eine Quelle von moralischen Überlegungen sehen, besonders im Hinblick auf die Auswirkungen der Jagd auf andere Lebewesen und auf die Umwelt. In Humes Verständnis von Moral sind es die menschlichen Empfindungen, die über das, was als „gut“ oder „schlecht“ angesehen wird, entscheiden. Empathie und Mitgefühl spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die Jagd könnte aus der Sicht von Hume als moralisch problematisch angesehen werden, wenn sie aus Grausamkeit oder unnötiger Zerstörung resultiert, weil sie gegen die moralischen Empfindungen und die natürliche Neigung des Menschen zu Mitgefühl und Empathie verstoßen würde.

Jedoch, und das ist ein wichtiger Punkt in Humes Philosophie, könnten moralische Urteile über die Jagd je nach Kontext und Absicht variieren. Wenn die Jagd etwa zur Nahrungsbeschaffung dient und mit Respekt gegenüber der Natur und den Tieren durchgeführt wird, könnte sie in Humes System als moralisch gerechtfertigt gelten, da sie einem natürlichen Bedürfnis entspricht. Wenn die Jagd jedoch aus reiner Freude an der Zerstörung oder der sportlichen Betätigung ohne Rücksicht auf das Tierwohl durchgeführt wird, könnte sie als unmoralisch betrachtet werden, da sie mit der natürlichen Empathie und den moralischen Gefühlen des Menschen in Konflikt steht.

Die ethischen Implikationen der Jagd aus Humes Sicht

Humes Moraltheorie ist weitgehend auf das menschliche Gefühl und die menschliche Erfahrung angewiesen. Für Hume sind moralische Urteile keine objektiven Wahrheiten, sondern sie basieren auf den Gefühlen und Empfindungen der Menschen. Diese Empfindungen sind zum Teil durch die Erfahrung geprägt und entwickeln sich in sozialen Kontexten. In diesem Sinne könnten moralische Urteile über die Jagd je nach der jeweiligen kulturellen und sozialen Perspektive unterschiedlich ausfallen.

Wenn die Jagd innerhalb einer Gesellschaft als notwendig für das Überleben oder als akzeptabler Teil einer sozialen Ordnung betrachtet wird, könnte sie als moralisch gerechtfertigt angesehen werden. Andererseits, wenn die Jagd als unnötig oder grausam empfunden wird, könnte sie als unmoralisch gelten. In Humes Sicht ist es die Rolle der Gesellschaft, diese moralischen Empfindungen zu fördern und zu kultivieren, um ein ethisch verantwortungsbewusstes Handeln zu gewährleisten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in Humes Philosophie ist die Rolle der Sympathie und Empathie. Diese Emotionen ermöglichen es den Menschen, das Leiden anderer zu spüren und aus diesen Gefühlen moralische Urteile zu fällen. In Bezug auf die Jagd bedeutet dies, dass der Mensch, der das Tier tötet, in der Lage sein sollte, sich in das Leid des Tieres hineinzuversetzen, um die moralischen Implikationen seines Handelns zu verstehen. Die Jagd könnte also als moralisch problematisch angesehen werden, wenn der Jäger kein Mitgefühl mit den Tieren hat oder ihre Bedürfnisse und Rechte ignoriert.

Fazit

David Humes Naturbegriff und seine moraltheoretischen Überlegungen werfen ein interessantes Licht auf die Jagd als menschliche Praxis. Humes Philosophie betont die Bedeutung von Erfahrung und Empathie in der moralischen Beurteilung menschlichen Handelns. In Bezug auf die Jagd würde Hume die Handlung selbst als Teil der natürlichen Welt und der menschlichen Bedürfnisse verstehen, während er gleichzeitig auf die moralische Verantwortung des Jägers hinweist, Empathie für das Tier zu entwickeln und die Handlung in Einklang mit den natürlichen moralischen Gefühlen der Gesellschaft zu stellen. Die Jagd könnte daher je nach Kontext und Absicht als moralisch gerechtfertigt oder als unmoralisch angesehen werden, was in Humes System eine zentrale Rolle spielt.